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Die Hölle. Feuer, Feuer überall. Ich schaue aus dem Fenster: Wie gigantische, zerstörerische Krallen züngeln die Flammen der Verdammnis empor. Dem Tode so nah. Wann kommt unsere Rettung? Mein Dorf, Ponte de Telhe, ist umgeben von riesigen Wäldern. Diese bestehen überwiegend aus Eukalyptusbäumen. Ein Problem, das viel zu spät erkannt wurde.

In der Ferne ertönen Sirenen. Rettung naht. Ich helfe meinem Vater von seinem Stuhl auf. Er ist alt und krank. Ein Hämmern. Vor der Tür steht die freiwillige Feuerwehr. Schutzmasken verdecken ihr Gesicht. Ich begleite meinen Vater vor die Tür. Mehrere Autos und Krankenwagen stehen bereit. Bereit, die Alten und Kranken, die Kinder und Mütter in Sicherheit zu bringen. „Kommst du mit? Sie bringen uns nach Arouca“, sagt mein Vater. Tränen und Angst spiegeln sich in seinen Augen wieder. „Ich komme nach so schnell ich kann!“. Ob wir uns wiedersehen steht in den Sternen.

Jede Hilfe wird benötigt, um das gewaltige Feuer zu bändigen. Der Eukalyptus verbreitet sich schnell. Schnell und gefährlich wie das Feuer selbst. Er ist eine Bedrohung. Eine Bedrohung für die Flora. Eine Bedrohung für die Fauna. Eine Bedrohung für das Dorf. Der Boden des Waldes wird durch diesen Baum ausgetrocknet. Pflanzen werden verdrängt, Tiere finden keinen Lebensraum.

Der Baum tötet - und kann nicht aufgehalten werden. Ich begleite meinen Vater zu einem der Autos. Neben ihm sitzt ein kleines Mädchen, schreiend, weinend. Sie ruft nach ihrem Vater. Die Tür wird zugeschlagen und das Auto fährt von dannen. Die Zeit rennt. Wir Helfer versammeln uns in dem kleinen Laden. Die Verkäuferin wurde ebenfalls evakuiert. Panik und Angst erfüllen den Raum. Einige Helfer beten, andere schweigen und wieder andere gehen nervös auf und ab. Es ist nicht der erste Sommer, der für unser Dorf den Untergang bedeuten kann.

„Hört mir zu!“, rufe ich, um die Aufmerksamkeit meiner Mithelfer zu erlangen. „Geht in eure Häuser und bringt alle Behälter mit, die ihr finden könnt. Ladet sie in eure Schubkarren und Autos und kommt direkt wieder zurück zum Laden!“ Die Flammen haben unser Dorf noch nicht erreicht. Unsere Häuser stehen noch. Trotzdem kommt das Höllenfeuer näher und näher. Von Sekunde zu Sekunde. Meterhoch, bedrohlich und angsteinflößend.

Zuhause angekommen räume ich alle Schränke und Regale leer. Schüsseln, Wannen, Töpfe - alles wird in die Schubkarre geladen, die in der Scheune steht. Meine Hände zittern. Meine Gedanken sind bei meinem Vater. Ohne meine Hilfe ist er verloren. Ohne meine Hilfe ist das Dorf verloren. Die Behälter sind eingepackt, die Wasserschläuche, die einst das Beet bewässerten, sind abmontiert. Mit der quietschenden Schubkarre eile ich zurück zum Laden. Die Flammen kommen näher. Die Luft ist dick, verqualmt und stickig. Ich beginne zu husten. Gefährliche Waldbrände. Dieses Jahr. Letztes Jahr. Das Jahr davor.

Der Eukalyptus produziert Öle, die leicht brennbar sind. Wenn die Bäume erst einmal abgebrannt sind, ist das Problem gelöst!, dachten wir. Naiv. Sehr naiv. Durch die starke Hitze platzen die Samenkapseln des Eukalyptus auf. Der Baum wird verbrannt - und pflanzt sich somit fort. Ein ewiger Teufelskreis, der nicht aufgebrochen werden kann. Ein dämonischer Akt, der das Dorf Jahr für Jahr bedroht und Jahr für Jahr gefährlicher wird. Dabei hatte mein Dorf keine bösen Absichten. Im Gegenteil. Eukalyptus, so dachten wir, sei nützlich. Sowohl als Feuerholz, als auch zur Gewinnung ätherischer Öle.

Als unser Wald zum ersten Mal in Flammen aufging wurde uns schmerzlich das Ausmaß der Bedrohung dieses Baumes bewusst. Wir schließen die Schläuche an die Wasserleitungen hinter dem Laden an. Die Behälter werfen wir auf einen Haufen. Einige Helfer füllen diese mit Wasser auf, die anderen laden sie dann in ihre Autos und Schubkarren.

Der Kampf beginnt. Unsere Wege trennen sich. Einige Autos fahren bergauf, andere bergab. Die freiwillige Feuerwehr hat die Löscharbeiten bereits begonnen. Ich sprinte mit meiner Schubkarre den Berg hinab.

Die Behälter wippen hin und her, das Wasser plätschert aus dem großen Kochtopf. Schnelligkeit und Vorsicht - eine Kombination, die mir den letzten Nerv raubt. Unsere heimischen Pflanzen wurden von dem Teufelsbaum aggressiv verdrängt. Es kann kaum noch etwas angebaut werden. In kürzester Zeit ist der Boden ausgetrocknet, die heimischen Pflanzen tot.

Der Eukalyptus reißt die Nährstoffe des Bodens an sich. Tiere haben wir im Wald schon lange nicht mehr. Der Eukalyptus bietet keinen Lebensraum. Für die wenigsten Tiere ist die Pflanze genießbar. Sie vertreibt nicht nur das Wild, sondern tötet dieses auch noch durch ihre Giftstoffe, die durch ihre Blätter und Triebe freigesetzt werden. Wann wird das Dorf endlich wieder durch Vogelgezwitscher geweckt?

Das Feuer hat beinahe Ponte de Telhe erreicht. Ich eile zu einem der Feuerwehrmänner. Meine Aufgabe kenne ich bereits. Jahrelange Erfahrung. Erinnerungen, die mich nachts nicht schlafen lassen. Eimer für Eimer, Topf für Topf leere ich über die Äste, die am Boden brennen. Die Feuerwehr kümmert sich um den Wald. Meine Aufgabe, die Aufgabe des Dorfes, ist es, die brennenden Pflanzen und Äste auszulöschen, die die Feuerwehr behindern.

Eine kleine Aufgabe mit einer großen Wirkung. Schweres Husten. Meine Atemwege sind blockiert. Ich kriege kaum noch Luft. Die Behälter sind leer. Auffüllen. Nach Luft ringend schiebe ich die Schubkarre den Berg hinauf. Ich lade die Behälter aus, schwer atmend. Sie werden erneut aufgefüllt. Die Flammen umzingeln unser Dorf, scheinen jedoch nicht mehr näher zu kommen.

Der Himmel wird dunkler, die Nacht bricht an. Wie viele Stunden vergangen sind, kann ich nicht sagen. Tag ein. Tag aus. Wir haben es nicht gewusst! Eine schlechte Ausrede für die wir einen ziemlich hohen Preis zahlen. Ponte de Telhe ist nicht der einzige Ort, der jährlich unter den Waldbränden leidet. Portugal ist bekannt dafür, dass im Sommer das Feuer Teile des Landes kontrolliert.

Eukalyptus muss gezielt entfernt werden, um die Verbreitung zu stoppen. Erst wenn der letzte Eukalyptusbaum zerstört ist, kann sich die Flora und Fauna in Ponte de Telhe erholen. Erst dann wird das Dorf einen ruhigen Sommer erleben. Ein neuer Tag bricht an. Der dritte, oder vierte Tag, glaube ich. Ich weiß es nicht. Ich bin erschöpft. Erneut gehe ich den Berg hinunter. Die Flammen sind größtenteils gelöscht. Ich halte Ausschau nach brennenden Pflanzen, über die ich die letzten Eimer gießen kann.

Der Wald, oder das, was noch übrig ist, qualmt. Grün war hier die vorherrschende Farbe. Schwarz ist die Umgebung nun. Dunkel und bedrückend. Ich lasse die Schubkarre liegen und mache mich auf den Weg nach Hause. Bergauf. Ich keuche und huste. Schwindel überkommt mich. Die Menschen, die in die Kleinstadt Arouca gebracht wurden, treffen wieder im Dorf ein. Die Kinder umarmen ihre Väter und Brüder. Männer und Frauen fallen sich in die Arme.

Ich helfe meinem Vater aus dem Wagen und begleite ihn nach Hause. Zuhause angekommen setzt er sich auf seinen Stuhl. Wir haben es geschafft. Für diesen Sommer zumindest.


Projekt von Christine Simon und Tina Glombik.

Fiktive Geschichte, inspiriert durch Interviews aus Ponte de Telhe.