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Wie heißt du? - rufen die Kinder einer nach dem anderen. Die Neugierde steht ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie lachen und rennen auch schon weiter zum Fussballfeld. Es sind Kinder zwischen 4 und 11 Jahren und sie gehören zum Tageszentrum in Rusciori, Rumänien.

Dieses Tageszentrum wurde von Hermine Jinga-Roth in den 90er Jahren gegründet. Eine ehemalige Siebenbürger Lehrerin, die das alte Pfarrhaus im Dorf gekauft und dieses Projekt gestartet hat. Angefangen hat das Ganze als ein Kinderbauernhof, entwickelt für die Stadtkinder, um das Leben auf dem Land kennenzulernen. Brot backen, Marmelade kochen, aber auch Schweine schlachten sowie weitere Tätigkeiten standen auf dem Plan.

Nachdem allerdings auch die Dorfkinder darauf aufmerksam wurden und immer durch die Zäune gespäht haben, kam die Idee auf das Projekt zu einem Tageszentrum für alle Kinder im Dorf umzuwandeln. Die Idee dahinter war, die Kinder zu fördern und ihnen die Chance auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mit dem Tageszentrum haben die Kinder wieder mehr Freude am Lernen und besuchen weiterhin die Schule. Auf der weiterführenden Schule im Nachbardorf Sura Mica gibt es viele Kinder und Jugendliche, die die Schule abbrechen oder einfach nicht mehr erscheinen. Mithilfe von diesem Projekt soll dies verhindert oder zumindest reduziert werden.

Momentan befinden sich 47 Kinder im Tabara, wie sie es nennen. Alle davon sind Romakinder., da viele rumänische Eltern ihre Kinder nicht in ein Tageszentrum zusammen mit Romakindern bringen möchten. Das Projekt wird hauptsächlich durch Spenden aus den europäischen Ländern finanziert. Vor Ort sind eine Direktorin und zwei Erzieherinnen beschäftigt. Dazu kommen derzeit noch 5 Volontäre, die sich jeden Tag um die Kinder kümmern. Nur so kann das Projekt weiterhin bestehen.



Der Tagesablauf beginnt damit, dass um Viertel vor 12 alle Kinder von der neuen Dorf-Grundschule abgeholt werden. Anschließend wird zu Mittag gegessen, die Zähne werden geputzt, gefolgt von einem Gemeinsschaftsspiel. Danach gibt es Hausaufgabenbetreuung, Deutsch- und Englischunterricht stehen auch auf dem Plan - diese Aufgabe übernehmen die Volontäre. Basteln, Singen oder Tanzen: es gibt viele weitere Aktivitäten. Um 17 Uhr werden die Kinder dann nach Hause begleitet. Zusätzlich zum Tagesprogramm der jeweils von Montag bis Freitag stattfindet, werden die Kinder am Sonntagmorgen abgeholt und zur orthodoxen Kirche begleitet, um den Gottesdienst zu besuchen. Über das Jahr verteilt werden den Kindern auch die Feiertage und Traditionen in Rumänien Nahe gebracht. Wie zum Beispiel das Basteln von Martisoare am 1. März, als Symbol dafür, dass der Winter zu Ende ist und die Vorfreude auf den Frühling gefeiert wird. Auch Ostern mit Ostereier färben, Weihnachten mit Plätzchen und Lebkuchenhaus backen, sowie traditionelle Romatänze und Lieder, lernen die Kinder im Tageszentrum kennen.


Die Volontäre bekommen jeweils etwa 5-8 Kinder zugeteilt und kümmern sich die komplette Zeit über um diese Kinder. Die meisten Freiwilligen sind ein ganzes Jahr in Rumänien. Derzeit sind fünf aus Deutschland im Tageszentrum in Rusciori tätig, zuletzt gab es auch Volontäre aus Italien, Frankreich oder Österreich. Sie machen ihr Freiwilliges Soziales Jahr meist mit einer Organisation, wie zum Beispiel mit „Eirene“. Eirene (griechisch: Frieden) ist ein ökumenischer internationaler Friedensdienst, der 1957 gegründet wurde. Eirene ist in über 20 Ländern aktiv, wie zum Beispiel in Marokko, Nordirland und Rumänien. Im Laufe des FSJ müssen die Freiwilligen Rundbriefe über ihr Projekt und die Zeit im Ausland verfassen und werden während ihres Aufenthaltes von der Organisation unterstützt.

Der Überlieferung nach sind Roma Wandervölker aus Indien, die größtenteils seit etwa 700 Jahren in Europa beheimatet sind. Heutzutage leben die meisten in Ungarn und an zweiter Stelle steht Rumänien. Es ist schwer eine genaue Zahl zu nennen, da viele keine Papiere besitzen und somit nicht mitgezählt werden, es gibt auch einige, die andere Herkunftsorte nennen. Allerdings sind seit dem EU-Beitritt Rumäniens, 2007, viele rumänische Roma nach Westeuropa ausgewandert. Roma sind meist Randgruppen, die weiterhin oft benachteiligt bzw. diskriminiert werden. Es gibt viele verschiedene Gruppen der Roma, die größtenteils ein sehr traditionelles Leben führen. Die Schulabbrecherquote bei Roma ist wesentlich höher als bei anderen Nationalitäten Rumäniens. Das liegt oft auch an der Tatsache, dass bei einigen Roma Kulturen die Frauen bereits mit 14 Jahren heiraten und eine Familie gründen.

Rusciori (zu deutsch: Reußdörfchen) ist ein Dorf, das ehemalig von der deutschen Minderheit in Rumänien bewohnt wurde. Ab den 70er Jahren und verstärkt in den frühen 90ern sind die meisten Siebenbürger-Sachsen in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert. Meist haben sich Roma Familien in der entstandenen Lücke eingesiedelt. Rusciori befindet sich in Siebenbürgen und liegt etwa 10km von der Stadt Sibiu (Hermannstadt) entfernt, die 2007 Kulturhauptstadt Europas war.



Das Dorf gehört zur Gemeinde Sura Mica und derzeit gibt es etwa 600-700 Einwohner im Dorf. Mehr als die Hälfte davon sind Roma. Wenn man durch das Romaviertel geht merkt man bereits, dass es viel belebter ist, als im Rest des Dorfes. Die Menschen stehen meist vor den Häusern und unterhalten sich. Die Kinder spielen auf der Straße und rennen herum. Auch Straßenhunden begegnet man oft im Dorf. Fließend Wasser sowie eine asphaltierte Straße sind im Romaviertel nicht zu finden. Das alte Pfarrhaus, das nun als Tageszentrum dient, liegt direkt neben der evangelischen Kirche im Dorf. Es gibt einen großen Garten, ein Fussballfeld hinter dem Haus und einen Spielplatz mit Rutsche, sowie Schaukeln für die Kinder. An diesem Ort verbringen die Kinder etwa 5 Stunden täglich, sowie 5 Tage die Woche. Die Leiterin Hermine hofft, dass sich dadurch etwas ändert und dass das Projekt den Romakindern später einmal auf eine bessere Zukunft verhilft.

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