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Belfast ist mit etwa 300.000 Einwohnern die Hauptstadt Nordirlands. Für die einen ist die Stadt bekannt durch den Bau der Titanic, für andere aber vor allem durch den jahrelangen Konflikt, der viele das Leben gekostet hat. Dieser Konflikt wird „the Troubles“ genannt.

Es gibt mehrere Geschehnisse, die als Auslöser genannt werden. Eines der frühesten und bei den Einheimischen als Auslöser genanntes Event ist allerdings der 15. August 1969. An diesem Tag drangen eine Gruppe von sogenannten Loyalisten (Protestanten) in ein Wohngebiet der Katholiken (Nationalisten) ein und fingen an ganze Häuserreihen abzubrennen. Dabei wurden viele Häuser zerstört und mehrere Menschen getötet. Auch der Bloody Sunday in Derry, von den Protestanten Londonderry genannt, war ein grausamer Gewaltakt. An diesem Sonntag, den 30.01.1972, wurden 13 unbewaffnete Menschen von britischen Soldaten bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen die Internment Politik der Briten getötet.

Bei dem Nordirlandkonflikt bekämpften sich Protestanten und Katholiken. Allerdings ging es bei dem Konflikt nur oberflächlich um Religion. Der eigentliche Ursprung ist wohl eher die jahrelange Unterdrückung und Benachteiligung der Katholiken gegenüber den Protestanten. Die Auseinandersetzung führt sehr tief in die Vergangenheit. Es begann schon im 12. Jahrhundert mit der Eroberung Irlands durch England. Die meisten Engländer waren protestantisch und unterdrückten die Katholiken im Land. Diese blieben jedoch trotz vieler Aufstände katholisch. Im Nordwesten Irlands, in der Ulster Region, siedelten viele Schotten an. Dadurch war der Großteil der Region protestantisch. Durch Einschränkungen im Export war Irland wirtschaftlich geschädigt. Dies führte zu Hungerkatastrophen und Auswanderungswellen.

Die Protestanten hingegen genossen viele Vorteile den Katholiken, bzw. den Iren gegenüber. Im 17. Jhd. konvertierte der damalige König von England, James II, zum Katholizismus. Da die Briten allerdings keinen katholischen König akzeptierten, wurde James daraufhin entthront. Er floh nach Frankreich und rekrutierte dort Menschen um seine Krone gewaltsam zurückzuerobern. Die Engländer erfuhren von seinen Plänen und beauftragten den neuen König von England, Wilhelm III von Oranien, damit, die Rückeroberung zu verhindern. Am 12. Juli 1690 gewann Wilhelm die Schlacht am Boyne gegen James, bzw. die Katholiken und deshalb wird dieser Tag weiterhin von den Protestanten in Belfast gefeiert. Wilhelm schickte Reiter auf seinem Weg vor. Diese sollten Feuer legen und ihm so zeigen, dass der Weg sicher ist.

Deswegen werden jedes Jahr am 12. Juli sogenannte Bonfires gezündet als Zeichen für den Sieg. Dafür werden Paletten gestapelt und abends angezündet, diese sind verteilt in jedem protestantischen Viertel in Belfast zu finden. Zudem laufen tagsüber viele Protestanten mit dem Oranier-Orden durch die Straßen, auch durch die katholischen Viertel. Dieser Tag führt jedes Jahr zu vielen Protesten der Katholiken, da diese sich durch die „aggressive“ Art und Weise der protestantischen Feierlichkeiten verspottet fühlen. Auch deshalb gibt es jedes Jahr am 12. Juli gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Loyalisten und den Nationalisten.



Im Jahre 1919 brach im Süden Irlands ein britisch-irischer Krieg um die Unabhängigkeit der Insel aus, dieser endete 1921 mit der Teilung Irlands. 1968/69 forderten Bürgerrechtsbewegungen die politische und soziale Gleichstellung des katholischen Bevölkerungsteil Nordirlands. Dies führte zu viel Gewalt von der Polizei, sowie von loyalistisch-paramilitärischen Organisationen, denn die Angst, dass die Katholiken mehr Rechte bekommen bzw. sogar an die Macht kommen, war groß. Die nordirische Polizei bestand bis zu 99% aus Protestanten, wovon die Katholiken nicht gerade profitierten. So begann der 30 jährige Gewaltkonflikt in Nordirland. Die britische Regierung löste 1972 die unionistisch geprägte Selbstverwaltung auf und übernahm die Kontrolle.

Viele britische Truppen kamen nach Nordirland, worauf sich die Katholiken erst gefreut haben, denn sie hatten mit Hilfe gerechnet. Allerdings waren diese genauso gewalttätig wie die nordirische Polizei, wenn nicht sogar gewalttätiger. So entstand auch auf der katholischen Seite viel Wut. Denn Unterdrückung führt zu Wut. Das Gefühl, dass man mit gerechten Mitteln nichts ändern kann. Die Katholiken hatten kein Wahlrecht, denn dies bekamen nur diejenigen, die Land besaßen. Da die meisten Katholiken allerdings nicht viel Geld hatten, war dies nicht möglich. Auch bei der Vergabe von Arbeitsplätzen wurden die Katholiken benachteiligt. Diese Wut staut sich an. Man bekommt keine Stimme, es ist kein Interesse oder Willen der anderen Seite vorhanden etwas zu verbessern. Irgendwann entsteht das Gefühl, dass sich die eigene Situation nur mit Aufständen und Gewalt ändern lässt, da man anders keine Stimme bekommt.

1972-74 formierte sich mit der IRA (Irisch-Republikanische Armee) eine paramilitärische Organisation. In den folge Jahren gab es sehr viele Gewaltakte von beiden Seiten, unter anderem viele Autobomben und zudem wurde die Internment Politik der Briten eingeführt. Dies bedeutete, dass jeder Verdächtige festgenommen werden konnte, ohne jegliche Anklage. Erst 1998 endete der Nordirlandkonflikt mit dem sogenannten Good Friday Agreement am 10. April. Bis zu diesem Karfreitagsabkommen starben allerdings etwa 3.500 Menschen aufgrund des Konflikts und etwa 47.000 Menschen wurden verletzt. Selbst nach dem Abkommen gab es noch vereinzelt Gewalttaten.

Dieses Karfreitagsabkommen galt zwischen Großbritannien, Irland und den Parteien Nordirlands. Und es beinhaltet Vereinbarungen wie zum Beispiel, dass die Republik von Irland keine Forderung an eine Wiedervereinigung mit Nordirland stellen darf, außer die nordirische Bevölkerung entscheidet sich selber dafür. Die Zusammenarbeit von irischen und nordirischen Behörden ist ein weiterer Punkt des Abkommens, sowie die Entwaffnung der paramilitärischen Gruppen und der Rückzug der britischen Truppen aus Nordirland.

Auch heute noch, 18 Jahre nach dem Good Friday Agreement, sind Spuren des Konflikts in der Stadt zu finden. Belfast ist wie ein Schachbrett aufgebaut, weiße und schwarze Felder (Katholiken und Protestanten), über die ganze Stadt verteilt, immer durch die sogenannten Peace walls getrennt. Die Peace walls bzw. die Tore zu den verschiedenen Vierteln werden jeden Abend geschlossen. Diese Mauern bestehen weiterhin, damit sich die Menschen sicher fühlen und wenn man sie fragt, ob sie weiterhin bleiben soll, antworten alle mit ,,Ja’’. 15m hoch sind die höchsten Mauern und sie verhindern, dass Leute einfach drüber klettern können oder Gegenstände rüber werfen. Wobei dies immer noch passiert. Die ersten Häuser direkt an den Mauern haben meist selbst an der Außenwand noch einen Schutzzaun.

Gegen 19 Uhr werden die Tore geschlossen und diese bleiben dann bis morgens um 7 zu. Die Murals, die sich über die ganze Stadt verteilen, sind eigentlich Illegal. Die Stadt versucht die gewalttätigen Murals zu beseitigen bzw. zu ersetzen, indem man sie durch Murals die Frieden zeigen, ersetzt. In den protestantischen Vierteln sind noch mehr Murals im Zusammenhang mit dem Konflikt zu sehen, anders als in den katholischen Vierteln, wo die meisten durch friedliche Wandmalereien ersetzt wurden, um die Gemeinschaft zu stärken und Frieden zu stiften. Die meisten Murals beinhalten die Namen der paramilitärischen Organisationen beider Gruppen.



UFF, UDA, UVF, UDF, IRA und INLA sind paramilitärische Organisationen, die heute alle verboten sind, allerdings weiter im Untergrund existieren. Die 5 Hauptorganisationen der Protestanten haben untereinander sogenannte Turf wars betrieben. Dies bedeutet soviel wie Morde untereinander. Dies tun sie immer noch, da sie weitere Interessen als den Unabhängigkeitskrieg hatten, wie zum Beispiel Prostitution und Drogenhandel. Stevie McKeag „Topgun“ (1970-2000) war ein gefeierter Märtyrer der Protestanten und Mitglied der UDA, er ist für 18 Morde verantwortlich.

Letzten Endes ist er allerdings dem Turf war zum Opfer gefallen. Wobei es nicht ganz klar ist, wer ihn ermordet hat. Die Polizei hat sein Tod als „accidental drug overdose death“ abgeschlossen und nicht weiter ermittelt. Er wurde in einem von außen abgeriegeltem Raum gefunden, zusammen geschlagen und gefesselt. Zudem war seine Kehle voll mit Kokain. Aus diesem Grund hat die Polizei den Fall als Drogentod abgetan. Topgun ist für einen Mord verantwortlich, der mittlerweile sehr bekannt ist.

Im Jahre 1991 hat er Philomena Hanna, eine Apothekerin die zwischen den beiden Gebieten Notfallmedikamente verteilt hat, auf dem Heimweg von der Shankill Road (protestantisches Gebiet) zur Falls Road (katholisches Gebiet) verfolgt und ihr in ihrem Laden fünf Mal in den Kopf geschossen. Dies hat er absichtlich getan, da Katholiken bei ihrer Beerdigung offene Särge haben und dies war dadurch nicht möglich. Auf seinem Mural ist er mit 18 Blumen um seinen Kopf gemalt worden, jede dieser Blumen steht für einen Mord an einem Katholiken.

Im katholischen Viertel gibt es ein Mural von Bobby Sands, der ein IRA Mitglied war und durch seinen Hungerstreik im Gefängnis bekannt geworden ist. Er wollte im Gefängnis wie ein Kriegsgefangener behandelt werden, dies wurde ihm allerdings verweigert und so ist er in den Hungerstreik gegangen. Nach etwa 66 Tagen ist er gestorben. In dieser Zeit durfte ein Mitglied des britischen Parlaments (MP) aus Irland gewählt werden. Bobby Sands hat sich aus dem Gefängnis nominieren lassen und hat gewonnen. Damit ist ein MP im Gefängnis im Hungerstreik gestorben. Die britische Regierung ist dadurch schwer in Kritik geraten, weil sie dabei tatenlos zugeschaut haben.

Tom (1965 in Belfast geboren) war 4 als der Konflikt begann. Er ist Katholik und in der Falls Road aufgewachsen. Heutzutage machen sich die Jugendlichen Gedanken um ihre Zukunft und Ausbildung, er hat sich nie solche Gedanken gemacht, bei ihm ging es nur ums Überleben. Der Konflikt hat den Alltag bestimmt. Man konnte nirgends hin ohne durchsucht zu werden. Selbst, wenn er in die Disco gegangen ist, hatte er „Angst“ vor dem Heimweg, dass er den falschen Leuten begegnet. Alle paar Schritte dreht man sich um, fühlt sich beobachtet. Es war nicht unbedingt ein anhaltender Angstzustand die ganze Zeit, es war einfach nur der Alltag, sagt Tom. Zum Alltag gehörten auch Schießereien und Bomben. Er selbst hatte nur Berührungspunkte mit Katholiken.

Mittlerweile lebt er in einem gemischten Viertel in Belfast und sein bester Freund ist ein Protestant. In seiner Jugend wurde ein Freund von ihm auf der Straße vor seinen Augen erschossen. Nur weil er Katholik war. Er selber hat nie die IRA unterstützt, aber einige seiner Freunde waren Mitglieder. Man ist automatisch davon ausgegangen, dass er auch ein Mitglied der IRA war, da er in der Falls Road gewohnt hat. Es war keiner gezwungen bei der IRA mitzumachen, man konnte sich freiwillig melden, wenn man wollte. Wenn man seine Söhne fragt, beide mittlerweile Mitte und Ende zwanzig, an was sie sich noch erinnern können was den Konflikt angeht, antworten sie nur, dass sie sich hauptsächlich noch an die Hubschrauber und die Straßenkontrollen erinnern. Wenn man allerdings seine beiden Töchter fragt, die beide erst 14 und 16 sind, fragen sie nur: „Welcher Konflikt?“.

Tom ist der Meinung, dass der Konflikt nach und nach in Vergessenheit geraten wird, zumindest mit der neuen Generation. Er selber sagt, dass er im Herzen gerne ein vereintes Irland sehen würde, aber im Kopf weiß er, dass es besser für Nordirland ist, zu Großbritannien zu gehören. Da es dem Land wirtschaftlich gesehen so besser geht. In den Zeiten des Konflikts aufzuwachsen war vor allem für Kinder sehr schwer. Draußen zu spielen, während die britischen Truppen vorbei liefen, mit den Fingern direkt am Abzug.

So entstanden Projekte wie zum Beispiel ,,Euro Children’’. Dieses wurde 1976 in Belfast auf der Falls Road gegründet. Euro Children ermöglicht katholischen Kindern in Belfast und Derry jedes Jahr ein Monat lang Ferien in anderen EU-Ländern, wie Deutschland und Niederlande, zu machen. So sollen sie eine Auszeit von dem Bürgerkrieg in Nordirland bekommen und sehen wie das Leben außerhalb eines Konflikts aussehen kann. Nicht jede Familie konnte sich die Reisekosten für die Kinder leisten und zudem gab es immer nur begrenzt Plätze. Etwa 1000 Kinder gingen jährlich zu Gastfamilien. Pater Robert Mathieu gründete ein Projekt namens ,,Jugend ohne Heimat’’ in Antwerpen und wollte dabei Kindern in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland helfen und ihnen einen Ferienaufenthalt in Belgien ermöglichen.

Dieses Projekt wurde umgewandelt zu dem Projekt ,,Euro Children’’, bei dem Familien aus Europa Kindern ,,in Not’’ helfen können. Heutzutage gibt es viele Organisationen die mit der Integration der Menschen beider Religionen arbeiten. Wie auch die Forthspring Organisation, dessen Gebäude sich teils auf der Falls Road (katholisches Gebiet) und teils auf der Shankill Road (protestantisches Gebiet) befindet. Es gibt viele verschiedene Gruppen und Aktivitäten für alle Altersgruppen, bei der versucht wird die Leute wieder zusammen zu bringen. Sie sollen lernen miteinander zu arbeiten und das Vergangene hinter sich zu lassen. Zusätzlich dazu gibt es auch Tage, an denen über das Geschehene geredet werden kann.

Ein gemeinschaftsförderndes Wandbild in einem protestantischen Gebiet zeigt Dylan Wilson, den Enkel von Jim Wilson, einem Loyalisten, sowie Dearbhla Ward, Enkelin von Joe O’Donnell, Sinn Féin Mitglied. Wandbilder wie dieses sollen die Stadt verschönern und Frieden stiften. Beide geben sich die Hand und in der Mitte des Murals steht das Gedicht „No More“:

No more bombing, no more murder

No more killing of our sons 

No more standing at the grave side

Having to bury our loved ones

No more waking up every hour

Hoping our children, they come home 

No more maimed or wounded people

Who have suffered all alone 

No more minutes to leave a building 

No more fear of just parked cars 

No more looking over our shoulders 

No more killing in our bars 

No more hatred from our children 

No more. No more. No more!



Seit 2007 entwaffnete sich die IRA offiziell und Sinn Féin erkannte die nordirische Polizei an. Somit einigte sich die britisch-protestantische Democratic Unionist Party zu einem Machtteilungsabkommen mit der Partei Sinn Féin. Allerdings bildeten sich zu der Zeit zwei radikale Splittergruppen, die Real IRA und die Continuity IRA und diese bestehen auch heute noch. Im Jahre 2013 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Loyalisten und den Nationalisten in Belfast, da entschieden wurde, dass die britische Flagge über dem Rathaus von nun an nicht mehr die ganze Zeit gehisst werden soll, sondern nur noch an bestimmten symbolischen Tagen.

Auch 2015 kam es zu Problemen, da ein ehemaliges Mitglied der PIRA (Provisional IRA), Kevin McGuigan, ermordet wurde und nach Angaben der Polizei waren die Täter PIRA-Mitglieder. Dies würde heißen, dass die Organisation weiter existiere und somit entschied sich die Ulster Unionist Party (UUP) aus der nordirischen Regierung auszusteigen. Diese wollten nicht mit Sinn Fein zusammen arbeiten, wenn die PIRA weiter bestünde. Gerry Adams, Präsident der Partei Sinn Féin, erklärte daraufhin, dass die IRA nichts mit dem Mord zu tun habe und diese nicht weiter besteht. Nach mehreren Verhandlungen hatte die Regierungskrise ein Ende und es wurde unter anderem veranlasst, dass eine neue internationale Gruppe die Aktivitäten der paramilitärischen Organisationen bewachen soll.

Weiterhin ist der 12. Juli ein Tag an dem es jedes Jahr zu Zusammenstößen der beiden Gruppen kommt, da die Protestanten an diesem Tag stolz auch durch die katholischen Viertel laufen und zeigen, dass das immer noch ihr Land ist.

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